11.1
Die Philosophie, frei übersetzt: die Liebe zum Wissen, ist nicht so sehr das hochwissenschaftliche Fach mit eigenem Fachjargon, für das es oft gehalten wird, sondern vielmehr ein Denken in übergreifenden Zusammenhängen, das ohne besondere Fachsprache bis in den gewohnten Alltag des Lebens hineinreichen kann.
Vormals, in seiner griechischen Geschichte, bedeutete Philosophie das erste wissenschaftliche, auf begründetem Urteil beruhende, Bemühen um sichere Erkenntnis von der weithin unbekannten natürlichen Welt. Es bildete den Gegensatz zu Magie, Mythos, Religion oder auch nur einfacher Meinungsbildung. Ein solches Verständnis von Begründung für Erfahrung, Erkenntnis und Wissenschaft bestimmt heute ganz selbstverständlich unser tägliches Leben.
Doch nicht nur das in die äußere Erfahrung ausgreifende Denken, die Welterkenntnis, sondern auch das auf das Selbst des einzelnen Menschen gerichtete Denken, die Selbsterkenntnis, hatte bereits in der Antike bedeutende philosophische Vertreter, besonders in dem griechischen Philosophen Sokrates. Das bekannte antike Orakel von Delphi hielt ihn für den weisesten Menschen seiner Zeit, der schon nach der Maxime lebte „Erkenne dich selbst!“. Diese Selbstbesinnung des Denkens und die daraus resultierende Frage nach dem Sinn des Lebens ist gerade in unserer Zeit des raschen technischen Fortschritts eine oft und in vielen Variationen erörterte Frage.
Die geschichtliche Entwicklung des menschlichen Geistes, sein Sich-Organisieren aus Selbst und Welt, hin zum Erkennen immer größerer und komplexerer Zusammenhänge, ist menschheitsgeschichtlich ein sehr langer Prozess gewesen. Er vollzieht sich aber – individuell erfahrbar – auch an jedem Tag des eigenen Lebens, wenn man aktiv und aufmerksam seinen geistigen Horizont an immer neuen Aufgaben erweitert.
11.2
Gleichzeitig bleibt der Mensch aber auch ein Naturwesen, der Sinnlichkeit und dem Triebleben unterworfen. Parallel zum Prozess der Geistesentwicklung hat die Gattung Mensch auf dem Wege zur Kulturbildung einen großen Teil ihrer aggressiven Natur verändern müssen: Immer mehr gesellschaftliche Notwendigkeiten sowie Außen- oder Fremdzwänge mussten in Selbstbeherrschung und Selbstzwänge umgewandelt werden; die verschiedensten menschlichen Leidenschaften mussten in ganz bestimmte Neigungen und Interessen, heute vor allem in sachlich-ökonomische Interessen übertragen werden. Und immer wieder muss dabei das einzelne Individuum von klein an am Prozess dieser Kulturbildung mitarbeiten: Wo unbeherrschtes Triebleben waltet, sollen allmählich Bewusstsein und Selbstbeherrschung werden. Eine von früher Jugend an praktizierte einfühlsame Erziehung kann dem Kinde und später dem heranwachsenden Menschen zu einem sich tätig entfaltenden Leben verhelfen. Bei widrigen Erziehungs- und Erfahrungsumständen kann ein solcher Zivilisationsprozess – durch Unterlassung oder Überforderung – aber auch misslingen. Aggressives Verhalten kann wieder durchbrechen, oder es können seelische Bedrückung, Gewissensangst und unbewusste Selbstzwänge entstehen. In beiden Fällen kann dem jungen Menschen die Selbstkontrolle entgleiten und soziale bzw. psychische Auffälligkeiten können ihn nachhaltig destabilisieren. Kulturbildung und ihre Gefährdung waren und sind, gesellschaftlich und individuell betrachtet, ein dauernder Balanceakt des menschlichen Lebens.
12.1.2
Wenn der Erziehungsprozess aber gelingt, wenn das sich bildende und festigende Ich Triebverlangen, Gewissensansprüche und Umweltanforderungen in Balance zu halten weiß, dann kann eine heranwachsende Person sich zu wahrer Persönlichkeit entwickeln: zu Verantwortung, Toleranz und zu freiem Handeln aus selbst gewonnener Einsicht in bestimmte kulturelle Notwendigkeiten. Dann wird nicht nur einsichtiges Wissen erworben, sondern es kann auch sozial verantwortlich praktiziert werden.
Der Einzelne, einstehend für die Gemeinschaft, aber auch von ihr gebildet, erhalten und in Verflechtung mit ihr lebend – das ist die Überleitung zum Verständnis von ethischem Verhalten, Menschenwürde, Grundrechten, von demokratischer Staats- und Gesellschaftsbildung. Sie alle sind geschichtlich errungen gegen Willkür und unlegitimierte Machtausübung von Adeligen, Diktatoren und machtbesessenen Autoritäten, und sie müssen, um verantwortungsvoll erhalten zu werden, fortwährend ins Bewusstsein der Menschen gerufen und lebendig praktiziert werden. Denn auch trotz gefestigter Demokratie sind Recht, Staat und Gesellschaft gefährdete, weil in steter Bewegung und Entwicklung befindliche, Einrichtungen und Organisationen. Eine besondere Betrachtung gilt deshalb auch der gegenwärtigen wirtschaftlich-ökono-mischen Globalisierung. Inmitten ihrer verschärften Konkurrenzkämpfe werden die alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen in vielen Lebensbereichen zunehmend durch sachliche Verhältnisse ersetzt. Orientierungslosigkeit, Vereinzelung und Instrumentalisierung des Menschen innerhalb eines ungeheuren sachlichen Reichtums sind oft die Folge und können familiäre, mitmenschliche und gesellschaftliche Bindungen nachhaltig zerrütten. - Nicht sachlich reich, sondern lebendig reich sollte eine sinnvolle Maxime für ein menschenwürdiges Leben sein.
13.1.2
Die aus den vorangegangenen Themenerarbeitungen (11.1 – 12.2) entwickelten Kenntnisse und Erfahrungen sollen nun zu einem tieferen und umfassenderen Verständnis philosophischer Probleme führen.
Der Mensch als Natur- und Geistwesen steht auf der höchsten Stufe des entwickelten Natursystems. Allein in seinem geistigen Horizont kommt die gesamte Naturentwicklung zu sich selbst - zu lebendigem Bewusstsein, genauer, zu der Erkenntnis von der sich organisierenden Entfaltung des menschlichen Geistes an der Vielfalt der ihm erscheinenden Welt: zum Verständnis der Dialektik von Selbst- und Welterfahrung.
Eingeleitet wird diese geschichtlich philosophische Entwicklung mit der so genannten kopernikanischen Wende des Denkens durch I. Kant. In ihr werden alle metaphysischen - also einfach nur vorgestellten, hingenommenen, von der Herrschaft verordneten - Einrichtungen und Anschauungen nachhaltig erschüttert: absolutistischer Staat, aufgezwungene Religion, menschliche Untertänigkeit, autoritäres Recht und Wissen u.a.m.. Sie sind von nun an nicht mehr einfach von Gott, von der adeligen Herrschaft oder von Natur aus gegeben; sie alle werden allein durch das besondere geistige Vermögen der Gattung Mensch begriffen, begründet und durch freie Vereinbarung in legitimierte Institution und Tätigkeit gesetzt. Mit dieser neuen Freiheit zu bewusstem Tun und Gestalten aber erhält der Mensch auch die volle Verantwortung für sein Denken und Handeln. Denn schon mit der Industrialisierung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrh. entstehen neue - zumeist sachlich-institutionelle - Herrschaften und Ideologien, die in ihrer weiteren Entwicklung bis heute ungeahnt nachhaltige Auswirkungen haben.
Die besondere Aufgabe philosophischer Arbeit liegt also darin, durchschauen zu lernen, dass der Mensch nicht in einer Welt von - ihm nur gegenüberstehenden - fertigen Einrichtungen, Dingen und Daten lebt – sie bilden nur den Schein der undurchschauten Oberfläche –, sondern in einer Welt zu durchschauender natürlicher, vor allem gesellschaftlicher und darin sachlich-technischer Prozesse, in die er vielfältig involviert ist. Besonders in dem stetig expandierenden Horizont von Sachen und Sachverhalten bleibt dem Menschen oft verborgen, dass in seiner kurzatmigen konkurrierenden Produktion und in immer neuem Konsumanreiz durch die Macht der Bilder ihn die selbst geschaffenen Produkte zuletzt auch in der eigenen Existenz bedrohen und vernichten können - ihn als das Subjekt der Geschichte, seine lebensnotwendige Gemeinschaft und die Naturvielfalt, aus der er hervorgegangen ist. Deshalb sollte dem Menschen in seinem Denken und Tun auch die ethische Einsicht - die Selbstbesinnung des Denkens - zuwachsen, die solche Entwicklungen zu durchschauen, zu steuern und abzuwenden weiß.
In der gemeinsamen Bearbeitung solcher Themen – fachübergreifend mit Geschichte, Sozialwissenschaft, Recht, Psychologie, Literatur und Religion – will die Philosophie Orientierung und Halt vermitteln in einer unübersichtlich gewordenen Welt, und sie will den Lernenden mit Wissen und Bewusstsein stärken für seine Selbstfindung und die Gestaltung eines persönlichen Lebens in sozialer Verantwortung.
Rainer Oevermann, RSG
Philosophie Unterrichtsprogramm
11.1 Einführung in das philos. Denken und in philos. Arbeitsmethoden
Verschiedene Themen aus:
- Fragestellungen der KursteilnehmerInnen
- Bilder und Texte aus den Bereichen Presse, Werbung, Kunst
- Alltagsprobleme philos. betrachtet
Philos. Textbetrachtungen zum Thema Anthropologie:
- Erkennen und Argumentieren
(Textvorschlag Platon, Apologie)
- Der Mensch als Geist entwickelndes und in Zusammenhängen denkendes
Wesen
(Texte aus Wissenschaft, philos. Literatur, Dichtung)
(mögliche Ganzschrift Fr. Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen)
11.2 Anthropologie (Fortsetzung aus 11.1)
- Längsschnitt durch die Geschichte der Anthropologie (von der Antike bis zu modernen Autoren)
- Der Mensch als Naturwesen, arbeitendes Wesen, Kulturwesen
Frage nach einer Sinngestaltung für das Leben (Texte von N. Elias, Marx, Freud, Fromm, Sartre, Camus, M. Frisch u.a.)
(mögliche Ganzschrift S. Freud aus: Abriss der Psychoanalyse)
12.1 Ethik, der Mensch als sittlich handelndes Wesen
- Ethische Grundpositionen:
Glückseligkeit, Tugend
Nächstenliebe
Kategorischer Imperativ
Ethik der menschlichen Institutionen
Utilitarismus
Verantwortung
Zur Freiheit verurteilt
Ökologische Ethik (Natur – Wirtschaft)
(Texte von Platon, Aristoteles, Kant, Bentham, M. Weber, Jonas, Habermas u. a.)
(mögliche Ganzschrift I. Kant aus: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten)
- Freiheit und Determination (bis zur aktuellen Hirnforschung)
12.2 Recht, Staat, Gesellschaft, Politik
- Menschenwürde, Menschenrechte
- Längsschnitt der Staatsphilosophie von Antike bis Neuzeit und Gegenwart (Platon, Aristoteles, Hobbes, Locke, Hegel, Marx u. a.)
- Gesellschaftsphilosophie, politische Ordnung und Eigentum
(Textvorschlag H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft;
Schweidler, Der gute Staat - von Platon bis zur Gegenwart; I. Fetscher, Demokratie-Theorieren)
- Probleme der aktuellen Tagespolitik (aus überregionalen Tageszeitungen)
13.1 u. 2 Probleme des Erkennens und Denkens
Wahrnehmen, Erkennen, Schlussfolgern
Welt- und Selbsterkenntnis
- Positionen der Antike u. des Mittelalters
- kopernikanische Wende des Denkens (I. Kant)
- organisiert gegensätzliches Sich-Entwickeln von Geist und Gegenständlichkeit
(dialektische Positionen – idealistisch/materialistisch – Hegel, Marx/ Engels u. a.)
- Dialektik von Welt- und Selbsterfahrung (Prinzip Anschauung) aus Goethe Faust I (Faust u. Mephisto)
- Weltkonstitution und Selbstkonstitution durch Sprache (Platon, Humboldt, Cassirer, Popper u. a.)
- ideologiefreies Erkennen – materialistisch ästhetische Positionen (versch. Autoren) mit literarischen Beispielen
- Problem „objekive“ Erkenntnis, naturwissenschaftliche Weltbilder
Ÿ Die Kursthemen der einzelnen Halbjahre bieten untereinander vielfältige Anbindungs- u. Verknüpfungsmöglichkeiten.
Die jew. Problemerörterungen erfolgen auch fachübergreifend im Hinblick auf Geschichte, Soziologie, Ökonomie, Psychologie, Religion, Pädagogik, Literatur, Kunst u. a.
Die Inhalte der einzelnen U.Vorhaben werden so aufbereitet, dass auch Aktualisierungen innerhalb der jew. behandelten U.Sequenzen möglich sind.